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Landeswettbewerb Philosophiescher Essay 2011/2012

1. Platz für Anne-Marie Peter

Wandel als Lebensprinzip oder „Leben um des Lebens Willen“

„The basis of optimism is sheer terror“ – Die Grundlage des Optimismus ist die nackte Angst; eine Formulierung nach Oscar Wilde.

Diese Aussage wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Wie kann etwas scheinbar so negatives wie das schiere Angstgefühl die Basis für eine positive Lebenseinstellung, den Optimismus, bilden?

In der Aussage scheint impliziert zu sein, dass jedem Optimismus ein erlebtes Angstgefühl vorausgegangen sein muss, was nicht bedeutet, dass jedes Angsterlebnis zu Optimismus führt.

Um festzustellen, worin der bedingende Zusammenhang zwischen Angst und Optimismus besteht, muss die Bedeutung dieser Begriffe geklärt werden. Die nackte Angst ist ein Gefühl, das meist in einer Situation der empfundenen Bedrohung aufkommt, aus einem ursprünglichen trieb heraus, sich in Situationen der Lebensgefährdung zu schützen, beispielsweise zu fliehen. Dieses Gefühl dient also dem Selbstschutz und ist damit eine Form des veräußerten Überlebensdrangs. Sie dient dem Erhalt des Lebens und ist somit lebensbejahend.

Der Optimismus ist eine positive Einstellung zum Leben bzw. eine positive Sichtweise auf dieses. Er geht vom Eintreffen des bestmöglichen, noch im Bereich des Realistischen liegenden, Falls aus. Der optimistische Mensch glaubt an das Gute im Leben. „Das Gute“ ist hier eine Vielheit von Dingen. Es sind Tugenden gemeint, ein Bereich, der sich auf das konkrete handeln bezieht, aber auch allgemein Zustände, in denen der Mensch ein anstrebsames Gefühl empfindet, wie glücklich sein. „Das Gute“ ist eine Relation des Menschen, die nur in Bezug auf diesen existiert und nicht generalisiert werden kann. Wenn man von der Annahme eines durch den Menschen angestrebten Glückszustandes ausgeht, so wird der „Glaube an das Gute“ des Optimisten dadurch beschrieben, dass dieser der Verwirklichung dessen eine höhere Wahrscheinlichkeit beimisst; im Gegensatz zum Pessimisten, der das für sehr unwahrscheinlich hält und sich in seinem subjektiven Blick auf die Welt, diese schwarz malt. Führt man sich vor Augen, dass sowohl der sehr negative Blick auf die Dinge, als auch der positive erwogen werden kann und überhaupt alle Bewertung und Wahrnehmung rein subjektiv ist (gemeint ist nicht die Wahrnehmung in einem erkenntnistheoretischen oder phänomenologischen Sinne, es wird von einer objektiven Welt ausgegangen – die Reaktion auf diese , z.B. in Form von Gefühlen, ist rein subjektiv), wird deutlich, dass der Optimismus viel Stärke des Individuums erfordert, wird er bewusst gelebt, um sich gegen das alltägliche Leid (Krankheit, Trauer, Tristesse, Enttäuschung, Verluste etc.) zu behaupten. Ein bewusster Optimismus ist stark und nicht so leicht erschütterlich, wie ein zufälliger. [Der zufällige Optimismus ist hier nicht Objekt der Betrachtung].

Woher bezieht also der bewusste Optimismus seine Kraft?

Die Antwort liegt eben im Erleben der nackten Angst, eine Erfahrung eines Extrems der Lebensgefährdung, die einem erst mal die Angst in die Knochen treibt. Reflektiert das Individuum darauf, kann es durch das Erkennen der Äußerung des Überlebenswillens diesen auf einen „Lebenswillen“ übertragen. Der Mensch scheint ein paradoxes Wesen, das viele Widersprüche in sich trägt, wie das Potential zum Optimismus, aber auch zum Pessimismus, eine konstruktiven und einen destruktiven Sinn, der dem Lebensprinzip an sich aber nicht widerspricht [Zerstören, um neu zu schaffen; sterben für neues Leben]. Nur die ungesicherte Häufung von Dualismen im Menschen kann paradox scheinen. Durch seine Wandelbarkeit und Unbestimmtheit wird der Mensch in der Betrachtung zu etwas sehr komplexen. Nackte Angst muss eben nicht notwendiger Weise zu einer Lebensbejahung und einem optimistischen Weltbild führen. Dieses starke, extreme Gefühl kann sogar seine Stärke auch in radikale Lebensverneinung wandeln, den plötzlichen Gefährdungszustand als so negativ bewerten, dass das Individuum sich gegen eine mögliche Wiederholung eines solchen Erlebnisses entscheidet, das Angstgefühl nicht mehr loslässt. Der Optimist jedoch wandelt die Kraft der Angst in die Kraft des Lebensmutes, des Optimismus, um. Wie wir wissen, gibt es dafür keine Notwendigkeit, vielleicht liegt die Ursache für diese Möglichkeit im Charakter des Individuums begründet, in seiner Komplexität.

Oder aber man nimmt an, dass sich als vom Überlebenswillen getriebenes Wesen zu erkennen, dass diese Bewusstwerdung zu einem Grundvertrauen führt, das Motivator zum „Weitermachen“ wird und den Schritt zum Optimisten erleichtert dadurch, dass dieses Grundvertrauen zum Dasein den „Glauben an das Gute“ stärkt und eine höhere Wahrscheinlichkeit, das Telos (Glückszustand) des Menschen zu erreichen, einrechnet.

Maßgeblich für das Aufbringen der Kraft für einen Optimismus ist also das Erkennen des Überlebenswillens, dieses Dranges, und darüber hinaus noch das Schließen auf einen Daseinsgrund, was ein Vertrauen dazu ausbildet, das den Optimismus ermöglicht.

Ob die Veräußerung dieses Überlebens-/Lebenswillens immer eine Angsterfahrung benötigt, hängt von der genauen Definition von Angst oder „nackter Angst“ ab. Es geht daraus hervor, dass es etwas Blankes, Reines, Extremes ist. Ein starkes Gefühl und eine Erfahrung, die dem Individuum eine gewisse Wichtigkeit oder Besonderheit suggeriert, damit dieses darauf reflektiert (es könnte natürlich auch willkürlich darauf reflektieren). Zudem ist ein zentraler Aspekt die Gefährdung des Lebens des Individuums, die überhaupt erst zu dieser Angst führt. „Die Grundlage des Optimismus ist die nackte Angst“ reduziert den Sachverhalt in der expliziten Formulierung auf seine lebensbejahenden Momente: Überlebensstreben (Angst als Selbstschutz) und positive Lebenseinstellung (Optimismus). Das ist insofern ausreichend, als man mit deduktiver Überlegung die Wirkungszusammenhänge ergänzen kann. Die hier vorliegende Betrachtung des Sachverhalts kann nur unter bestimmten Paradigmen oder allgemein Vorstellungen Richtigkeit haben, wie der ergänzten Zielsetzung des Menschen. Eine weitere rahmengebende Bedingung ist die Vorstellung des Lebens als Entwicklungsprinzip. Alles verändert, wandelt, entwickelt sich stetig aus einem vom Menschen nicht fassbaren Grund heraus, dem Daseinsgrund, dessen Existenz anzuzweifeln nicht ausgeschlossen ist. Wenn man nämlich zerstört, um neu zu schaffen und eben schafft um des Schaffens Willen, wenn die Werdung und Wandlung das Lebensprinzip beschreibt, so ist es nichts weiter, als „leben um des Lebens Willen“. Es wird dem Individuum überlassen, einen Sinn darin zu sehen oder nicht. Die meist kausale, logische Denkweise hat die Tendenz nach einem „Urgrund“ für das Leben zu forschen, was die oft anstrengende Bemühung um dieses wohl rechtfertigen soll.

Vielleicht ist es das Glück des Optimisten, zu erkennen, dass er selbst den Lebensdrang enthält, vielleicht dieser ist, dass eine (auch unreflektiert denkbare) Idee entstünde, die besagte, dass wenn der Mensch als verkörperter Lebensdrang existiert, dieser vektorielle Sinn, dieses Streben nicht zu verurteilen und zu verneinen ist. Die Dinge sind. Es ist die Art des Menschen diese immer bewerten zu wollen, erklären zu wollen, manchmal bis hin zum radikalen Skeptizismus oder sogar bis hin zum Solipsismus. Erkennt man das Wesen des Menschen in seinem „Willen zum Leben“, kann es nur die Torheit des Menschen fertigbringen, sich selbst zu verneinen. Das ist seine Freiheit. Und seine Unbestimmtheit gibt ihm ein besonders großes Veränderlichkeits- und Entwicklungspotential.

Inwiefern das zu einer Identitätskrise des Individuums aufgrund einer vermeintlich unendlichen Anzahl an Definitionsmöglichkeiten führen kann, sei an einer anderen Stelle beredet – und selbst sollte die Unbestimmtheit des Menschen zur Krise führen, so würde der Optimist sagen, dass aus dieser Erfahrung vielleicht Kraft für etwas Neues, gar Positives, geschöpft werden kann.

Ich versichere, dass ich die Arbeit selbstständig verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt habe und alle Entlehnungen als solche gekennzeichnet habe.
A.-M. Peters